Umgang mit Leid

Das Leben ist kein Ponyhof. Glück findet immer nur im Moment statt und kann niemals Dauerzustand werden, auch wenn wir uns das verständlicherweise wünschen. Oder kennen Sie jemanden, dem es gelungen ist, ohne Leid, Schuld oder Krankheit durch das Leben zu gehen? Doch sicher ist Ihnen aufgefallen, dass wir Menschen unterschiedliche Strategien entwickelt haben, damit umzugehen.

 

Als Coach arbeite ich nach der Logotherapie / Existenzanalyse von Viktor E. Frankl (*1905 - +1997), In den späten 1920er Jahren entwickelte er diese Lehre, die davon ausgeht, dass der Mensch ein sinnsuchendes Wesen ist. Frei und verantwortlich können wir in der Welt agieren.

 

Der Begriff Logotherapie setzt sich aus dem Griechischen Logos = „Sinn, Gehalt“ und therapeúein = „pflegen, sorgen“ zusammen. Existenzanalyse leitet sich vom lateinischen exsistere = hervor-, heraus- oder gegenübertreten“ ab.  

 

Frankl geht davon aus, dass wir Menschen unter allen Umständen in der Lage sind, Sinn in unserem Leben zu finden. Dies gelingt, wir mit der Welt in Resonanz sind, also mit Menschen, Dingen oder Aufgaben in Beziehung gehen. Der „Sinn des Lebens“ kann weder aus sich selbst heraus erzeugt noch von außen zugeführt werden. Es liegt an jedem einzelnen von uns, für sich zu erkennen, was sinnvoll ist.

 

Dabei unterstütz uns die „Trotzmacht des Geistes“. Diese Trotzmacht besagt, dass wir Menschen den Verhältnissen nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern sie „trotz“ allem immer auch in eigener Verantwortung mitgestalten können.  Das hat zur Folge: Wer versucht, vor seinem Leid davonzulaufen, der läuft auch vor seinem Glück davon. Langfristig ist es sinnvoller, sich seinem Leid zu stellen, Stellung zu beziehen und im Rahmen der Möglichkeiten zu handeln.  

 

Dass diese Trotzmacht nicht nur trockene Theorie ist, hat Frankl in den Jahren 1942 -1945 als Häftling in verschiedenen Konzentrationslagern unter Beweis gestellt.  Seine Erinnerungen fasste er anschließend in dem Buch „... trotzdem Ja zum Leben sagen - Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ zusammen, dass als Hörbuch auf Spotify verfügbar ist.

 

Nachstehend fasse ich einige wesentlichen Eckpunkte seiner Lehre zusammen. 

 

Unser menschliches Dasein hat drei Dimensionen

 

  • Einen Geist, der uns als vernunftbegabte Wesen als Menschen von den Tieren anhebt.

 

  • Eine Psyche, mit der wir emotional oder treibhaft auf unsere Umwelt reagieren können.

 

  • Einen Köper, den wir wie allen Lebewesen haben. Selbst Pflanzen sind belebte Körper.

Diese drei Ebenen sind untrennbar miteinander verwoben und es gilt, sie in Einklang zu bringen. Gelingt das nicht, entstehen interne Konflikte, z.B. im Sinne von „Der Geist ist willig aber das Fleisch ist schwach“. Unser (Schlechtes-)Gewissen ist ein guter Seismograph für solche intrapersonalen Konflikte.

 

Der Verstand verleiht uns Menschen den freien Willen. Diese geistige Dimension erlaubt es uns, uns selbst zum Gegenstand der eigenen Betrachtung zu machen (Selbstdistanzierung) und dadurch der Welt in Freiheit und eigener Verantwortung offen gegenüberzustehen (Selbsttranszendenz).

 

Wir sind nicht frei von inneren Bedürfnissen und äußeren Bedingungen aller Art, wir sind jedoch frei für unendlich viele Entscheidungs- und Handlungsoptionen. Der Sinn des Lebens ist es, diesen Gestaltungsspielraum sinnvoll und verantwortlich auszuschöpfen, was uns in der Regel auch intuitiv gelingt.

 

In seiner Wertelehre beschriebt Frankl drei „Wege zum Sinn“:

  1. Erlebniswerte – wenn wir wertvolles aus der Welt empfangen
  2. Schöpferische Werte – wenn wir selbst aktiv sind und durch unsere Leistung wertvolles in die Welt gegeben
  3. Einstellungswerte – wenn wir eine Haltung entwickeln, mit der wir als Persönlichkeit in der Welt in Erscheinung treten (Selbstgestaltung)

 

Der schöpferischen Leistung kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Die Logotherapie übernimmt dabei nicht den gängigen Leistungsbegriff unserer Konsumgesellschaft. Menschen sind schöpferisch tätig, indem sie sich ihren Aufgaben widmen, - sei es im Beruf, in der Familie oder durch andere Formen aktiven Engagements. Wenn wir uns selbst überwinden, mit der Welt in Resonanz gehen und Leistung erbringen, dann verwirklichen wir Werte, erfahren Selbstwirksamkeit und können über uns selbst hinauswachsen, ganz gleichgültig, ob und in welcher Form das entlohnt wird.

 

Unser Leben stellt uns immer wieder vor Herausforderungen. Es gibt kein Leben ohne Leid, Schuld und Tod. Frankl nennt das die „tragische Trias“. Doch auch in diesen schwierigen Situationen sind wir nicht gezwungen, in eine Opferrolle zu fallen. Wir haben die Freiheit eine Haltung zu entwickeln, die uns ermöglicht, das Leid zu ertragen und damit umzugehen.

 

Nehmen wir unser Schicksal mutig an, lernen wir daraus und erfahren Sinnhaftigkeit. Auch wenn der äußere Handlungsspielraum durch Krankheit oder andere Schicksalsschläge sehr eingeschränkt ist, haben wir über unsere Einstellungswerte einen geistigen und seelischen Freiraum, mit dem wir Stellung zu den Dingen und den Menschen beziehen können. Das mag so verkürzt eigenartig wirken, im KZ hat er jedoch am eigenen Leib erfahren, dass es wenig Sinn macht, mit seinem Schicksal zu hadern. Erfahrenes Leid lässt sich nicht leugnen, es handelt sich um eine Tatsache, die wir irgendwie bewältigen müssen.  

 

Durch die Rückbesinnung auf sein eigenes Erleben gibt Frankl der Sinnfrage des Lebens einen grundsätzlichen Richtungswechsel. Nicht der Mensch hat das Leben zu befragen, der Mensch ist viel mehr der vom Leben befragte, der dem Leben zu antworten und sein Leben zu verantworten hat.  

 

 

Der Bezug zu Corona:

 

Das Leben macht uns mit Corona grade einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Die tragische Trias von Leid, Schuld und Tod wird auf einmal ganz präsent.

 

Durch die aktuellen Beschränkungen werden uns viele Möglichkeiten entzogen, unsere Werte zu verwirklichen.  Dieser Verlust kann eine leidvolle Erfahrung sein, die bedrückende Sinn- und Wertlosigkeitsgefühle auslöst, wenn es nicht gelingt, neue sinnstiftende Antworten auf die geänderte Lage zu finden. Das braucht Geduld und einen klaren Versand, denn wir sind in einem Prozess, von dem wir nicht wissen, wie es sinnvoll weitergeht.

 

Doch genau diese innere Ausgeglichenheit zwischen Geist, Psyche und Körper gerät ins Schwanken, denn die Fülle der dramatischen Informationen kann uns überfordern. Eine allgegenwärtige unsichtbare Macht und erzeugt Ängste. In solchen Situationen neigt die Gefühlsebene dazu, sich in den Vordergrund zu drängen, mit dem Risiko, unsere Freiheit zum sinnvollen Handeln zu verlieren.  

 

Frankl sagt dazu: zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit. Erst der Mut zu uns selbst wird uns unsere Angst überwinden lassen.

 

 


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